11. Mai 2011
Von William Morris, einem der Begründer der Arts and Crafts Bewegung des vorvorigen Jahrhunderts, stammt die Forderung: „Have nothing in you house that you do not know to be useful, or believe to be beautiful.“ In anderen Worten: 'Laß in deiner Umgebung nichts anderes zu, als das, was du brauchst und was dich erfreut.'
Wenn ich vom Schreiben auf- und mich nur auf meinem Schreibtisch umsehe, fallen mir gleich mehrere Dinge auf, die weder use- noch beautiful sind. Statt dessen fallen sie in die Kategorien 'gedankenloser Konsum' und 'sozialer Zwang' (sprich: geschenkt bekommen).
Welche Dinge dulden oder begehren wir in unserer Nähe? Und warum? Wir geben den Dingen ja nicht nur Wohn-, sondern auch Gedankenraum. Welche Bedeutung messen wir ihnen zu? Wie viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen wir ihnen?
In was für einer Welt würden wir leben, wenn wir mehr Zeit damit verbringen würden einen Kienzapfen zu betrachten, als endlos blogs zu lesen? In was für einer Welt würden wir leben, wenn das Betrachten eines Gesichts die gleiche Wichtigkeit hätte wie die Bereitschaft, Überstunden zu machen?
Gestern auf dem Spielplatz lag wirklich neben jedem anwesenden Elternteil außer mir ein Handy. Nicht, daß ich das Ding nicht für eine segensreiche Erfindung hielte. Ich hab auch schon ohne an der falschen Straßenkreuzung des Nachts gestanden und sehnsüchtig bis ängstlich auf denjenigen gewartet, der mich abholen wollte. Aber von der Zeit, die man mit seinem Kind auf dem Spielplatz verbringt, mindestens die Hälfte auf Telekommunikation der nicht lebens- oder jobnotwendigen Art zu verwenden, halte ich für Verschwendung von Lebenszeit. Da haben wir nun dieses eigentlich extrem praktische Ding und anstatt es zu unserem Vorteil zu nutzen, lassen wir uns davon vereinnahmen und verpassen dabei das Leben, das grad um uns rum passiert.
Die Dinge, Handlungen, Personen, denen wir Aufmerksamkeit schenken, die machen wir wichtig. Mit welchen folgen für unser Wohlbefinden, unser Handeln und unsere Weltsicht?
Es sind ganz oft die flüchtigen, beinahe gestohlenen Momente, in denen ich in kleine, bescheidenen Dinge versunken bin (die Clematis im Garten nebenan, deren Blüten zu schweben scheinen, der Brotteig zwischen meinen Fingern, die wandernde Füllerfeder auf dem Papier), in denen mir der Seelen-Reich-Tum dieser Dinge bewußt wird. Und viel zu schnell vergesse ich ihn dann wieder.
Es ist bei meiner akuten Zeitnot vermutlich Unsinn, meinem Sohne ein Hawaiihemd zum Geburtstag zu nähen oder Vögel für ein Geschenk zur Geburt zu besticken. Ich könnte bei Reyn Spooner ein 'orginal' Aloha-Shirt bestellen und im Spielzeugladen gibt’s jede Menge schöner Mobilés. Ich entscheide mich zur Zeit trotzdem für die Langsamkeit des hand mades und finde in der Gemächlichkeit des Prozesses einen Reichtum an Zeit, Gedanken, Zuneigung.
Die bescheidenen, kleinen Dinge wert zu schätzen, wird uns nicht gerade beigebracht. Und wenn es Erwähnung findet, dann meist in einem christlich-religiösen Kontext, wo es schnell einen moralinsauren, freudlosen Geschmack bekommt.
Ich stelle allerdings fest, daß der Kienzapfen, die Kornblume neben meiner Küchentür, das Ritual des Teeaufgießens mir im Moment mehr zu sagen haben als mein IPod. Ich stelle fest, daß ich natürlich ein Kleid von Lanvin oder Lacroix geschenkt nähme, daß ich aber jetzt gerade eine unglaubliche Genugtuung darin verspüre, vom Schnitt über Stoff und Garn bis zum Knopf alles selbst auszusuchen und mein Kleid selbst zu nähen.
Und ich stelle fest, daß es mir überhaupt nicht gut tut, auf dem Parkplatz auf den neuen Volvo neben mir zu schielen und mich zu fragen, ob ich mir den jemals werde leisten können. Und daß sich der thrill der Glamour schnell verbraucht hat und es eine Ausrede ist, die Zeitschrift ja wunderbar als Collagenmaterial benutzen zu können.
Dagegen wird mir beinahe jedes Mal, wenn ich mich in eines dieser kleinen Dinge versenke, etwas Neues klar. Was ich nicht mal vom teuersten Paar Schuhe, das ich besitze, sagen kann.