Wie man über seinen eigenen Schatten springt
„Die erste Idee ist doch immer die beste.“ Schon mal gehört den Satz? Ich kann mich an den einen oder anderen Moment in einer Probe erinnern, in der der Regisseur mit diesem Satz zurückgekehrt ist zur allerersten Version einer Szene, weil alle Verbesserungsversuche nichts besser gemacht hatten. Im Gespräch mit einem Freund fiel neulich ein ähnlicher Satz: „Ich hab gelernt, meinem ersten Instinkt zu vertrauen.“ Seit dem blubbert dieser Satz und meine Skepsis ihm gegenüber immer wieder nach oben.
Denn: Gelegentlich mißtraue ich meinen ersten Ideen, den schnellen Lösungen. Gelegentlich vertraue ich ihnen blind. Und manchmal komm ich erst nach mehrmaligem Sehen und mit Abstand dahinter, einem Klischee aufgesessen zu sein.
Also wie ist das nun mit Instinkt, ersten Ideen und deren Güte?
Was ist das Erste, was einem einfällt?
Das Naheliegendste, das Klischee oder das Eigene, so vielleicht noch nicht Gesagte?
Kann man beeinflussen, woher diese erste unmittelbare Reaktion kommt – aus dem Vorrat an Lösungen, den man willentlich oder nicht mit sich rumträgt oder aus einer anderen privateren, organischeren Ecke?
Muß einen diese Frage überhaupt umtreiben?
Kommt auf das Ziel an, auf das man hinarbeitet, oder?
Mein Ziel ist es, möglichst präzise zu artikulieren, was die Figuren, in der Welt, die wir erschaffen, umtreibt. Und das nicht in einer Form, die so präsent wie abgenutzt ist wie der Strand im Sonnenuntergang in Reklame für Flitterwochen. Sondern in einer Form, die das Eigenartige der Figuren spürbar werden läßt.
Das heißt nicht in jedem Fall die Vermeidung von Klischees und Stereotypen. Wenn deren Verwendung, ein Denken in diesen Teil der Figur in diesem Moment ist, müssen sie natürlich rein. Aber es heißt, daß ich jeden Moment, den ich auf die Bühne bringe, durchdacht und durchleuchtet haben will. - Im Idealfall. Meist geht irgendwann die Zeit aus und dann ist man ganz schnell bei den praktikablen Lösungen, die man gebunkert hat.
Worauf, auf welche Ebene von Wissen bzw. Fühlen greift das zu, was mein Freund mit „erstem Instinkt“ bezeichnete und was für andere die „erste Idee“ ist? Und ist das zwangsläufig eine Ebene, die ausdrucksstärker, authentischer ist als die der fertigen Lösungen und Stereotype? Und: Wie erleichtert man sich den Zugriff darauf?
Eine mögliche Strategie ist blitzschnell zu reagieren, um am eigenen Zensor, an den sozialen Vereinbarungen, in die wir uns zu meist fassen, vorbei zu kommen, in der Hoffnung dahinter etwas zu finden, das eigener, ehrlicher und authentischer ist. Das es diese Ebene überhaupt gibt, ist und wird bestritten. Ich bleibe zunächst dabei, daß es sie gibt. „To lean into the moment“ nennt Anne Bogart das in A Director prepares. Die Handlung, die Entscheidung, zu der man noch gar nicht befugt zu sein scheint. Für die man über Wissen und Sicherheit hinausgreifen muß und unmittelbar auf das reagiert, was gerade geschieht.
Die andere Strategie ist die des Umwege Gehens und Ausprobierens. Eine Strategie, die versucht sich selbst zu mißtrauen, eine kritische Distanz aufzubauen, um das entstehende Material immer wieder zu sichten und letztlich zu einer Entscheidung zu kommen: es in der Form, in der es zuerst entstand, zu verwenden oder aber in einer anderen Weise auszudrücken. Wobei für diesen Prozeß des Ausprobierens entscheidend sein dürfte, mit welcher Vorbereitung, Sorgfalt, Spezifität und Energie er stattfindet.
Letztlich versucht man auf beiden Wegen, über den eigenen Schatten zu springen und sich selbst von hinten beim Denken zuzusehen mit dem Ziel, sich seinen kulturellen Konditionierungen zu entziehen und zu einem eigentlicheren Ausdruck seiner Selbst zu kommen. Kann das funktionieren?